Fußball-Europameisterschaft 2008 | Österreich & Schweiz | 7. - 29. Juni 2008 | EURO News | EURO Forum

Köbi Kuhns Zuversicht für die Schweiz

Seit Sonntag ist das Nationalteam im Hinblick auf die EURO im eigenen Land zusammen. 17 Tage bleiben Jakob Kuhn bis zum Eröffnungsspiel gegen Tschechien, um das Team optimal vorzubereiten und ideal einzustellen.
Im Interview äussert sich der Coach zu den Kritiken nach den jüngsten Niederlagen, über das Trainingslager im Tessin, die neue Rolle von Pascal Zuberbühler und seine grössten Sorgen.

Jakob Kuhn, wie gross ist die Anspannung bei Ihnen?

Köbi Kuhn: "Es verläuft in Kurven. Es gibt Momente der grösseren Anspannung. Einer davon war sicher die Nominierung der 26 Spieler, die ins Trainingslager kommen. Im Vorfeld mit den Beobachtungen über Gesundheitszustand und Formstand der Spieler zielte alles auf einen Punkt, der für mich vor einer Woche war. Ich entschied: ´Das ist die Gruppe für die EM´. Danach fiel die Anspannung für einen Moment etwas ab. Sie ist nun gepaart mit der Vorfreude, dass wir wieder zusammen sind und uns auf etwas vorbereiten. Bis jetzt war alles Theorie, nun kommt die Praxis."

Wie würden Sie die Phase vor dem Heimturnier mit jenen vor Portugal 2004 und Deutschland 2006 vergleichen?

"Es ist nicht wesentlich anders. Natürlich ist es jetzt eine EURO in der Schweiz. Der Vorgang aber, der mit der Selektion abgelaufen ist, ist nicht anders als vor zwei und vier Jahren. Die Auswahl ist grösser geworden. Das ist schön. Es ist aber auch so, dass die Belastung der Spieler immer grösser wird. Wir hatten in den letzten Monaten vier Kreuzbandrisse bei Nationalspielern: Müller, Margairaz, Dzemaili und Esteban. Und es gab ja noch andere Verletzungen. Mit der Belastung der Spieler steigt auch die Anspannung."

Wie sehen Sie Ihre aktuelle Mannschaft verglichen mit den Auswahlen vor zwei und vier Jahren?

"Ich bin überzeugt, dass es das Beste ist, was der Schweizer Fussball derzeit zu bieten hat. Die Geschichte wird zeigen, ob es auch resultatmässig umsetzbar war. Beim Turnier in Portugal waren wir zufrieden, dabei zu sein. In Deutschland erreichten wir das, was wir angestrebt hatten. Wir waren sicher nicht überzeugt, dass wir die Gruppe mit Frankreich gewinnen würden. Aber es war das Ziel, uns für die K.o.-Phase zu qualifizieren. Das ist auch jetzt unser Ziel, obwohl die Gruppe ausgeglichener ist als jene in Deutschland."

Welche Erkenntnisse aus diesen beiden Turniern flossen in die Vorbereitung der EURO ein?

"Wir gehen in der Vorbereitung systematischer vor. In Portugal war noch einiges improvisiert, was wir schon für Deutschland verbesserten. Es ist sicher professioneller geworden. Eine Garantie, dass sich dies auch auf die Resultate niederschlägt, haben wir jedoch nicht."

Wie bewerten Sie die zwei Jahre, in denen Sie nur Testspiele und keine Ernstkämpfe hatten?

"Es war unterschiedlich. Wir hatten gewisse Höhepunkte, aber auch immer wieder Abstürze. Dies hängt auch damit zusammen, dass wir überdurchschnittlich viele schwere Verletzungen hatten. Ein anderer Grund ist, dass das Adrenalin bei den Spielern eben nicht gleich ausgeschüttet wird wie bei einem Qualifikationsspiel. Auch sonst sind die Spieler anderen Einflüssen ausgesetzt. 1998 war es bei Frankreich ähnlich. Der Technische Direktor Aimé Jacquet spricht noch heute nicht mit gewissen Journalisten. Und die Probleme von Deutschland vor der WM 2006 sind ja bekannt. Die Spieler stehen in einem anderen Spannungsverhältnis. Die Klubvertreter machen ihren Einfluss gegenüber den Spielern in einem anderen Mass geltend. Aussagen wie ´Verletze dich nicht´ bleiben beim Spieler irgendwo hängen."

Die Schweiz verlor die letzten vier Testspiele, darunter auch deutlich 0:4 gegen Deutschland. Die Kritik am Nationalteam war entsprechend gross.

"Dafür habe ich absolut Verständnis. Natürlich werde ich wie jeder andere Mensch auch lieber ´gestreichelt als geschlagen´. Aber ich arrangiere mich damit, weil es normal ist. Einige Kritiken empfand ich als übertrieben, weil sie nicht mehr sachlich waren. Ich habe jedoch gelernt, damit umzugehen. Ich spüre aber auch, dass die Leute gleichwohl positiv denken."

Die Nationalmannschaft ist nun zehn Tage im Tessin. Was wird das Hauptaugenmerk sein in diesem Camp?

"Wir haben eine Phase hinter uns, in der von Trainings eigentlich nicht die Rede sein konnte. Wir trafen uns jeweils am Sonntagabend oder gar erst am Montag nach einer Runde in der Meisterschaft. Jetzt ist eine Phase, in der wir die Automatismen im Spiel wieder fördern wollen. Es muss klar werden, wie die Aufteilungen auf dem Platz sind. Die Hauptaufgaben müssen klar definiert sein. Man kann nicht jeden Moment vorbereiten. Fussball ist auch ein Spiel der Intuition und der Kreativität."

Welches ist Ihre grösste Sorge zu Beginn des Trainingscamps?

"Es bleibt bei den bekannten Fragezeichen. Philipp Degen ist laufend unter Kontrolle. Bei Patrick Müller ist es kein medizinisches Problem mehr, sondern vielmehr, ob er in dieser kurzen Zeit noch etwas machen kann. Und natürlich die Frage, ob Lyon bereit ist, den Spieler frühzeitig abzugeben. Das sind im Moment meine Sorgen. Bei den anderen Spielern hat sich eigentlich alles verbessert. Die Sorgenkinder spielen jetzt wieder und kommen auch in Form. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass das Camp für einen grossen Teil der Mannschaft nicht die Zeit der Regeneration nach der Meisterschaft ist, sondern die Vorbereitung auf den Höhepunkt."

In dieser Phase stehen zwei Testspiele gegen die Slowakei (24. Mai) und Liechtenstein (30. Mai) im Programm. Welche Erkenntnisse können Sie aus diesen Partien noch gewinnen?

"Es wird für den einen oder anderen ein Formtest sein. Wir sind ja immer noch 26 Spieler und nicht 23. Der erste Gegner ist nicht zufällig die Slowakei. Wir wollten gegen ein vom Charakter her ähnliches Team wie Tschechien spielen. Und das andere ist ein Freundschaftsdienst, den wir unserem Nachbarn zuletzt immer wieder erwiesen haben. Verbunden ist dieses Spiel ja auch mit der Stadioneröffnung in St. Gallen."

Können Sie uns einen kleinen Einblick geben, wie Sie die Gruppe der 26 Spieler gefunden haben? Es spielten ja sicher nicht nur Einsatzminuten und Tore eine Rolle.

"Eine Vorgabe ist, jede Feldspielerposition doppelt zu besetzen und den Goalieposten dreifach. Es macht keinen Sinn, zehn Stürmer aufzubieten. Zum anderen ist es so, dass ich mich auf mein Gefühl verlasse und intuitiv entscheide, ob ein Spieler im entscheidenden Moment sein Potenzial abrufen kann. Das ist für mich die Leitlinie und nicht die durchschnittlich geleistete Spielzeit."

In einer Mannschaft hat jeder Spieler eine Rolle, einen Platz in der Hierarchie. Inwiefern spielten solche Überlegungen mit?

"Diese Rollen müssen sich die Spieler selber geben. Zum Beispiel Pascal Zuberbühler. Er brauchte nach dem Spiel gegen England viel Zeit. Das war für ihn sehr schwierig. Ich habe ihn deshalb auch nicht bedrängt, bis er selber überzeugt war, doch noch eine Rolle im Team zu haben. Sein erster Gedanke war natürlich, dass es ihn hier gar nicht mehr braucht. Letztlich erkannte er aber, dass er auch als Nummer zwei noch eine wichtige Rolle hat. Er wird Diego (Benaglio) untersützen oder auch einmal etwas lauter werden in der Garderobe, wie es seine Art ist. Vor ´Zubi´ ziehe ich den Hut. Das war das, was ich mir im Geheimsten erhofft hatte."

Sie haben Spieler selektioniert, die alle schon zuvor mehrfach aufgeboten waren. Gab es Überlegungen, Spieler aufzubieten, die nicht in diesem 40-Mann-Kader waren, sich aber zuletzt in den Vordergrund gespielt hatten?

"Ich war beeindruckt vom Auftritt des jungen Valentin Stocker. Da machte ich mir schon einige Gedanken. Letztlich habe ich aber entschieden, dass das etwas für meinen Nachfolger ist. Er soll auch Talente entdecken können (schmunzelt). Ich war immer zuversichtlich. Ich wusste aber auch, dass mich diese Zuversicht nicht unvorsichtig werden lassen durfte. Und selbst wenn ich zuversichtlich war, war ich keineswegs immer sicher, dass Marco (Streller) so stark zurückkommt. Jetzt bin ich natürlich sehr, sehr froh. Die medizinischen Vorhersagen waren ja nicht so optimistisch. Die letzten Spiele bestätigten mir, dass man Optimismus zeigen muss, wenn es schwierig ist."

Die EURO ist gleichbedeutend mit Ihrem letzten Arbeitsmonat. Erleichtert dies Ihre Arbeit oder macht es sie im Gegenteil eher schwieriger?

"Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das jetzt ein Vor- oder ein Nachteil ist. Im letzten Oktober sagte ich, dass nach der EM fertig ist. Es gab wohl Stimmen, ich könne mich auch nach der EM entscheiden. Ich hätte dies aber nicht ganz fair gefunden, wenn ich im Hinterkopf habe, dass ich aufhöre und dem Verband, für den ich mehr als zwölf Jahre tätig war, nur aus egoistischen Gründen nichts gesagt hätte. Der Verband braucht Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Für mich war klar, dass sieben Jahre genug sind. Jetzt kommt eine andere Phase in meinem Leben."

Wird Köbi Kuhn nun doch noch FCZ-Trainer?

"Nein, nein, das sicher nicht. Es gibt Anfragen, und ich habe keine Angst vor der Zukunft. Wichtig ist für mich, wieder der Herr über meine Zeit zu werden. Ich will meine Agenda selber bestimmen und nicht bestimmt werden." (Quelle:sfv)
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