Fußball-Europameisterschaft 2008 | Österreich & Schweiz | 7. - 29. Juni 2008 | EURO News | EURO Forum

Wir erfreuen uns eines edlen Gemüts

Nach dem Spiel hat man es vorher schon geahnt. Das ist ganz normal und muss niemanden beunruhigen. Was aber wenn man sich vor dem Spiel in das Nach dem Spiel denkt und dann weiß, was man dann schon immer gewusst haben wird?
40/60 nennt der Trainer die Chancen für Österreichs Topkickerlis (Schweiz Tribut!). Die Aufstellung: 4-4-2. Warum nicht 1-4-4-2? Na gut, die 1 ist redundant, aber deshalb dennoch nicht zu vergessen! Dieses bisschen mehr Luft durch die Stimmritze, dieses Fleckchen Druckertinte könnte die Strategieangabe zur Parole wachsen lassen. 1-4-4-2! 1-4-4-2! Das verstört das entzückte Herz im gestählten Körper: Warum verlieren wir immer so marktschreierisch, schon vor dem Spiel, in jedem Kommentar, ausnahmslos mit Ironie verschmiert überall wo vom Ballkontakt berichtet wird? Wir verlieren sogar den Tormann! 1-4-4-2!

Hat sich dabei noch Niemand überlegt wie schwierig doch Verlieren ist? Richtiges Verlieren formt erstens den Charakter, und erlaubt zweitens einen würdevollen Abgang vom Feld, ohne schreiend, das Shirt über den Bauchnabel, Hände wedelnd über Plätze mit Vorstadtkunstrasen zu rennen. Das mit dem Vorstadtkunstrasen ist natürlich an den Haaren herbeigezogen, hinterlässt aber einen Hinweis auf den eigentlichen Verlierer eines jeden Spiels: den Rasen! Kontinuierliches und sicheres Verlieren auf 90 min TV-Präsenz. Würde mich nicht wundern, wenn bei einem Rutscher "Dich merk ich mir" aus dem Boden geschrieen käme.

Völlig nebensächlich, aber zurück zum Verlieren als patriotischen Akt: Wie gesagt, Charakter haben unsere Spieler bereits. Was noch? Verlieren ist christlich menschenfreundlich! Einer muss nämlich verlieren und wenn man selbst verliert kann sich der Andere freuen. Und das ist schön! Unsere heiligen, charakterstarken Jünglinge akzeptieren damit die Wahl, die keine ist als vom Trainer "optimistisch" genannt und mit 40:60 in die "vorher" Spalte eingetragen. Somit sind sie spirituell erleuchtet sowie mental stark. Und die Frage kann leicht beantwortet werden: was wir beim Gewinnen nicht alles verlieren würden!

Abgesehen davon bekommt das Thema Verlieren eine andere Dimension, denkt man an das sich an den Ecken des Spielfeldes befindende Aufsichtspersonal, welches mit dem Rücken zum Spielfeld die jubelnde Masse zu Gesicht bekommt. Das ist die Arschkartenposition der Sicherheitskräfte, exklusiv für zukünftig Fussballtraumatisierte. Ab und an fetzt der Spiel-Ball vorbei und man fühlt sich in die Kindheit zurückversetzt, wo das ausgehalten werden musste, wenn irgendein verzogener, verhaltensorigineller Trottel auf Sadismus-Modus umgeschalten hat und einem die Bälle zur persönlichen Erbauung am Kopf vorbei knallte. Noch übler dann die Schadenfreude vorm Gesicht, wenn Fans ohne richtigen Grund auf das Spielfeld deuten, dabei das verdrehte Aufsichtsorgan mit großen Augen anschauen und staunende Laute von sich lassen. Dieser Posten kann sich mit dem Rasen die Position im Verliererranking aushandeln.

Zum Abschluss noch eine Bemerkung zum Türkei-Portugal Spiel: Die Portugiesen zwängen sich in erstaunlich enge "Nipplegate" Dressen, ihr Trainer schaut aus wie Gene Hackman, einer der rennt wird vom Kommentator als "kahlköpfiger Innenverteidiger" charakterisiert und es fällt das Wort "hochverdient".
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