Fußball-Europameisterschaft 2008 | Österreich & Schweiz | 7. - 29. Juni 2008 | EURO News | EURO Forum

Aragonés altmodisches Erfolgsrezept

"Elf Freunde müsst ihr sein." Ein abgetakeltes Motto, das nichts mehr zählt. Dazu ist dieser Sport zu schnelllebig und geschäftsorientiert geworden. Aber Spaniens Teamchef Aragonés darf mit fast 70 Jahren altmodisch sein.
Daher legt er auf die Gemeinschaft innerhalb seines 23-Mann-Kaders großen Wert. Der bisherige Erfolg gibt ihm recht.

Aragonés wird nach eigenen Angaben nach der EURO auf alle Fälle sein Amt zurücklegen. Egal, wie das Turnier letztlich ausgeht. Besonders stolz wäre er, wenn er folgende Nachrede hätte: "Dass ich ein Team hinterlasse, in dem ein hervorragendes Ambiente herrscht." Seine Chancen stehen gut: Tatsächlich scheint es in der "Selección" keine ungesunden Cliquen-Bildungen zu geben.

Ein Eigenleben baskischer oder katalanischer Spieler zum Beispiel erscheint in Neustift so undenkbar, dass gar nicht versucht wird, es zum Thema zu machen. Obwohl der Journalisten-Fortsatz von Aragones und den Seinen ständig nach einem solchen sucht.

Die Gruppendynamik betreffend haben die Kiebitze also Pech gehabt. Vermeintliche Skandale wie ein verweigerter Handschlag von Stürmer Fernando Torres gegenüber seinem "Mister" nach einer Auswechslung oder Undiszipliniertheiten von Verteidiger Sergio Ramos kamen über den Gerüchtestatus nicht hinaus. Geradezu exemplarisch blockte der sonst so pflegeleichte Kapitän Iker Casillas Fragen über das Verhalten von Ramos brüsk ab: "Es lohnt sich nicht, auch nur ein Wort darüber zu verschwenden."

Auch die Profilierung einzelner Spieler wird stets in einen mannschaftsdienlichen Kontext gestellt. "Wer die Tore schießt, ist doch egal", meint etwa Stürmer-Ass David Villa, "wichtig ist, dass die Mannschaft gewinnt." Und das klingt nicht einmal nach Koketterie, obwohl Villa mit bisher vier Toren in den drei Spielen, in denen er zum Einsatz kam, einer der Stars der Stunde ist.

Ebenso reagierte Casillas, der im Viertelfinale im Ernst-Happel-Stadion gegen Italien zwei Elfemeter halten konnte. Cesc Fabregas, der den entscheidenden Penalty gegen Italien sicher versenkte, geht mit seinem Bekenntnis zur Unterordnung sogar sehr weit: Der Arsenal-Star zeigt Verständnis, wenn er nicht mitspielen darf: "Was der Mannschaft hilft, ist gut."

Mallorca-Stürmer Daniel Güiza wiederum wurde kein Vorwurf gemacht, obwohl er im Elferschießen patzte. Fabregas: "Er hat doch gut geschossen, aber Italien hat mit Gianluigi Buffon einen Weltklasse-Tormann."

Auf den Punkt brachte es der "Mister" selbst. Er übernahm die Mannschaft nach der EURO 2004, bei der Spanien in Portugal bereits in der Gruppenphase gescheitert war. "Ich hatte damals Spieler, jetzt habe ich ein Team." Dass er Real-Superstar Raúl zu Hause ließ, erinnert ein wenig an die Erkenntnis, dass nicht immer auf die "Besten" zurückzugreifen ist, sondern auf die "Richtigen". In Spanien dürfte das auch funktionieren. Immerhin steht man am Donnerstag im Semifinale gegen Russland.

Wird das Italien-Spiel als voller Erfolg dazu gezählt, selbst wenn es erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, ist der "Weise von Hortaleza" bereits der erfolgreichste Teamchef in Spaniens Fußballgeschichte. Er hat - so gerechnet - 37 Siege auf dem Konto, einen mehr als Javier Clemente in der Zeit zwischen 1992 and 1998 verbuchen konnte. Der Baske benötigte dafür aber 62 Spiele, Aragonés saß bisher 52 Mal auf der spanischen Bank.

Dass die Fans, die ihn vor der EURO oft verteufelt hatten, ihn in den Straßen von Madrid oder Wien nun in Sprechchören zum Bleiben auffordern ist Aragones wohl durchaus angenehm, an seinem Entschluss, dass nach der EURO Schluss ist, wird das nach eigenen Worten nichts ändern.

Für ihn kommt der bisherige Erfolg der Spanier bei der EURO aber nicht überraschend. Er ist vielmehr Produkt eines hartnäckigen Arbeits- und auch Lernprozesses. So habe die Mannschaft aus der WM-Endrunde in Deutschland, wo im Achtelfinale gegen Frankreich das "Aus" kam, ihre Lehren gezogen. "Damals haben wir zu fröhlich nach vorne gespielt."

Nach vorne ist das Team wohl immer noch orientiert, bloß wird die Defensive nicht mehr so vernachlässigt. Die Fans waren mit diesem rationalen Ansatz nicht immer einverstanden. Darunter litt nämlich manchmal die "Schönheit" des Spiels. Aber diese kann mitunter ja auch eine Art Todesurteil sein. (Quelle:oefb=
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